Biogas statt Erdgas: Anlage in Sindelfingen nimmt Betrieb für mehr Energiesouveränität auf

Meilenstein für regionale Energiewende

Landkreis Böblingen · 13. März 2026
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Zwei Wochen nach der Einweihung der Vergärungsanlage in Leonberg ist nun der zweite Baustein des regionalen Bioabfallverwertungsprozesses fertiggestellt: Die Methanisierungsanlage auf der ehemaligen Kreismülldeponie Dachsklinge in Sindelfingen wurde offiziell in Betrieb genommen. Damit ist ein Leuchtturmprojekt im Landkreis Böblingen für Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz vollendet.

Die Anlage veredelt Rohbiogas aus der Leonberger Vergärungsanlage zu hochwertigem Biomethan mit über 97 Prozent Reinheit. Über eine 3,3 Kilometer lange Leitung gelangt das Gas nach Sindelfingen, wo es mittels moderner Membrantechnologie aufbereitet und ins öffentliche Gasnetz eingespeist wird. Jährlich werden so rund 40.000 Megawattstunden grüne Energie erzeugt. Das bei der Trennung anfallende Kohlenstoffdioxid (CO2) wird verflüssigt und als Wertstoff in Lebensmittelqualität vermarktet – rund 5.000 Tonnen pro Jahr.

Landrat Roland Bernhard betonte die strategische Bedeutung des Projekts angesichts der aktuellen geopolitischen Lage: „Der Iran-Konflikt verteuert Flüssiggaslieferungen und zeigt erneut, wie verwundbar Deutschland bei Energieimporten ist. Mit unserer regionalen Kreislaufwirtschaft machen wir uns ein Stück unabhängiger von ausländischen Gasproduzenten. Bioabfall fällt in den Landkreisen Böblingen und Esslingen an, wird in Leonberg und Sindelfingen verarbeitet und liefert Energie für Sindelfingen. Das ist gelebte Energiesouveränität und kommunale Verantwortung für Versorgungssicherheit."

Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, würdigte das Projekt als Vorbild für Baden-Württemberg: „Die Kombination aus Bioabfallvergärung, Biomethanaufbereitung und CO2-Verflüssigung ist in dieser Form einzigartig im Land. Hier zeigt sich, was möglich ist, wenn Städte, Landkreise und Stadtwerke gemeinsam an einem Strang ziehen. Das Land hat dieses innovative Vorhaben, bei dem der Atmosphäre klimaschädliche Gase entzogen und diese genutzt werden, gerne mit 960.000 Euro für die innovative CO2-Abscheidung unterstützt. Diese Anlage ist ein echter Leuchtturm für die zirkuläre Wirtschaft und eine Blaupause für die Industrie von morgen."

Oberbürgermeister Markus Kleemann betonte die Bedeutung des Projekts für die Region: „Mit der Energiedrehscheibe Nord schaffen wir in Sindelfingen gemeinsam ein echtes Leuchtturmprojekt für unsere Region. Mit Photovoltaik, der Aufbereitung von Biogas und perspektivisch auch einem Biomasseheizwerk entsteht hier ein leistungsfähiges Zentrum für erneuerbare Energien. Gerade die aktuellen Krisen zeigen, wie wichtig es ist, unsere Energieversorgung breiter aufzustellen und unabhängiger zu werden. Mein herzlicher Dank gilt allen Akteuren, die zur Umsetzung und Förderung dieses Vorzeigeprojekts beitragen.“

Wolfgang Bagin, Geschäftsführer der Bioabfallverwertung GmbH Leonberg und der Biomethanverwertung GmbH Sindelfingen, blickte auf die bewegte Projektgeschichte zurück: „Nach dem verheerenden Brand der Vergärungsanlage Leonberg 2019 standen wir vor einem Scherbenhaufen. Dass wir nun in beiden Städten nicht nur den Wiederaufbau, sondern ein deutlich erweitertes und innovativeres System einweihen können, ist höchste Ingenieurskunst und ein innovatives Klimaschutzprojekt.“

Dr. Karl Peter Hoffmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Sindelfingen, erläuterte die Einbindung ins städtische Energienetz: „Das Biomethan ersetzt fossiles Erdgas in unserem Netz und dient der klimafreundlichen Fernwärmeerzeugung. Mit diesem Projekt steigern wir den Anteil erneuerbarer Energien erheblich und reduzieren unsere Abhängigkeit von Erdgas. Das ist ein konkreter Beitrag zur Versorgungssicherheit für die Sindelfinger Haushalte."

Hintergrund:

Die Methanisierungsanlage kostet knapp 8,0 Mio. Euro inkl. Gasleitung und CO2-Abscheidung. Sie ist Teil eines interkommunalen Verbundprojekts der Landkreise Böblingen und Esslingen und der Stadt Sindelfingen. Die Gesamtinvestition für Vergärungsanlage und Biogasaufbereitung beläuft sich auf rund 54 Millionen Euro.

Beide Anlagen zusammen sparen jährlich rund 18.000 Tonnen CO2 ein – das entspricht dem Jahres-Fußabdruck von etwa 1.600 Menschen.

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