Zeitzeugenarchiv des Landkreises Sigmaringen nimmt Gestalt an

Mit seinen vielfältigen, bis ins 19. Jahrhundert zurückgehenden Beständen bewahrt das Kreisarchiv Sigmaringen das „Gedächtnis des Landkreises“.

Landkreis Sigmaringen · 25. September 2026
Das Zeitzeugengespräch wird in vertrauensvoller Atmosphäre geführt. Der Interviewer hat die Aufgabe, der Zeitzeugin genügend Raum für ihre Erzählung zu geben und gleichzeitig den roten Faden des Gesprächs nicht aus den Augen zu verlieren. (Abbildung KI-generiert)
Das Zeitzeugengespräch wird in vertrauensvoller Atmosphäre geführt. Der Interviewer hat die Aufgabe, der Zeitzeugin genügend Raum für ihre Erzählung zu geben und gleichzeitig den roten Faden des Gesprächs nicht aus den Augen zu verlieren. (Abbildung KI-generiert)
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Anhand von Behördenakten, Personennachlässen, Themensammlungen, Bildmaterial, Presseüberlieferungen und vieler anderer Quellen lässt sich die Geschichte des heutigen Landkreises Sigmaringen erforschen und rekonstruieren. Diesem bunten, heterogenen Material fügt das Team des Kreisarchivs mit seinem Zeitzeugenarchiv nun einen weiteren Baustein hinzu.

„Der Aufbau des Zeitzeugenarchivs beruht auf den Methoden der Oral History, bei der persönliche Erlebnisse und Erfahrungen aus der Geschichte mündlich erfragt und aufgezeichnet werden“, erläutert Vera Hollfelder, Leiterin der Stabsstelle Kultur und Archiv beim Landratsamt Sigmaringen. „Die Zeitzeugenerzählungen bringen Leben und Farbe in die Geschichtsschreibung – geht es in den Schilderungen der Zeitzeugen doch um das individuelle Betroffensein der kleinen Leute von den Ereignissen der Weltgeschichte.“

Das Projekt ist in verschiedene aufeinanderfolgende Epochen unterteilt. Beginnend mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg über die Nachkriegszeit, das „Wirtschaftswunder“ der 1950er-Jahre, die Aufbruchstimmung der 1960/70er-Jahre bis hin zur Jahrtausendwende mit der einsetzenden Globalisierung und Digitalisierung wird das Zeitzeugenarchiv Zeiträume bis in die jüngste Vergangenheit und Gegenwart umfassen. Die Interviews werden im Kreisarchiv gespeichert, transkribiert und nach sorgfältiger inhaltlicher und rechtlicher Überprüfung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Veröffentlichung der ersten Interviews ist für Ende dieses Jahres geplant. In welcher Form sie erfolgen soll, entscheiden die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen selbst. Mit ihrer Einverständniserklärung können sie bestimmen, für welche Zwecke das Material genutzt werden soll, ob es nur auf Anfrage im Archiv eingesehen oder ob ins Internet gestellt werden darf. Die Zustimmung der Zeitzeugen vorausgesetzt, können Nutzerinnen und Nutzer dann über die Rechercheplattform „Findbuch.Net“ online im Bestand des Zeitzeugenarchivs recherchieren, Verzeichnungsdaten sowie die Digitalisate selbst einsehen.

„Seit dem Start im vergangenen Jahr ist das Projekt ein gutes Stück vorangekommen“, sagt Vera Hollfelder. Nach einer gründlichen Planungs- und Vorbereitungsphase sowie mehreren Treffen, bei denen mit den Interviewerinnen und Interviewern inhaltliche Aspekte des Projekts sowie rechtliche Fragen diskutiert und geklärt wurden, fand im Dezember 2025 das erste Interview statt. Weitere Gespräche folgten, sodass mittlerweile rund 30 Interviews in verschiedenen Städten und Gemeinden des Landkreises zusammengekommen sind. Weitere Interviews sind schon vereinbart.

Begonnen wurde mit dem ersten Zeitabschnitt, der die NS-Zeit, das Kriegsende und die Besatzungszeit umfasst – eine besondere Herausforderung, da es sich bei den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen um hochbetagte Personen handelt. Die meisten sind zwischen 87 und 95, einige knapp 100 Jahre alt. Eine über Hundertjährige (Jahrgang 1924) ist auch dabei. „Dass die Interviews zustande gekommen sind, ist den ehrenamtlichen Interviewerinnen und Interviewern zu verdanken, die in ihren jeweiligen Gemeinden Kontakte zu Zeitzeugen hergestellt und die Gespräche vertrauensvoll geführt haben“, sagt Vera Hollfelder. „Mittlerweile können wir auf einen festen Bestand von etwa 20 Personen zurückgreifen, von denen einige mehrere Interviews geführt haben.“ Das Kreisarchiv unterstützt sie bei besonders herausfordernden Situationen und steht ihnen bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite.

Derzeit wird die nächste Epoche des Zeitzeugenarchivs vorbereitet, die mit den 1950/60er-Jahren die beiden Nachkriegsjahrzehnte beinhalten wird. Themen werden der Wiederaufbau, das „Wirtschaftswunder“, die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie der Siedlungsbau und Alltagskultur sein. Auch für diesen Zeitraum wird ein Interviewleitfaden erarbeitet. Aus dem Fragenkatalog können sich die Interviewerinnen und Interviewer für ihre jeweiligen Gesprächspartnerinnen und -partner relevante Fragen heraussuchen. Im Spätherbst wird es ein Treffen mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geben, um die Organisation und Durchführung der zweiten Etappe zu besprechen.

„Der Aufbau des Zeitzeugenarchivs ist ein dynamischer Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum erstrecken wird“, sagt die Leiterin der Stabsstelle Kultur und Archiv. „Das Projekt entwickelt sich stetig weiter und kann nur funktionieren, wenn viele interessierte und engagierte Menschen mitwirken.“ Dabei können sich alle Bürgerinnen und Bürger des Landkreises beteiligen – sei es als Zeitzeugen, Interviewer, Leihgeber von Dokumenten oder Mitarbeiter nach persönlichem Interesse und zeitlicher Kapazität.

Ansprechpartner für alle Fragen, Anregungen und Tipps ist das Kreisarchiv mit der projektverantwortlichen Mitarbeiterin Doris Muth. Bei ihr können sich all diejenigen melden, die sich für das Projekt interessieren, bei der Entstehung des Zeitzeugenarchivs mitwirken möchten oder jemanden kennen, der als Zeitzeuge für den ersten oder zweiten Zeitabschnitt in Frage käme. Erreichbar ist Doris Muth unter der Telefonnummer 07571 102-1146 und per E-Mail an doris.muth@lrasig.de.

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