Über 1.300 Einsatzkräfte trainieren den Ernstfall

Großübung „Roter Heuberg“ stärkt Zusammenarbeit und Bevölkerungsschutz

Zollernalbkreis · 22. April 2026
Ein Löschzug trifft am "Einsatzort" ein.
Ein Löschzug trifft am "Einsatzort" ein.
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Ein roter Audi 80 hängt schräg am Abhang, gefährlich nahe an einem Gewässer. Laute Hilfeschreie sind zu hören. Sie kommen aus einem Tümpel. Zwei Personen wurden bei einem Verkehrsunfall aus dem Wagen geschleudert und treiben hilflos im eiskalten Wasser. Beim Eintreffen der Feuerwehr stellt sich heraus, dass sich im Unfallfahrzeug noch eine eingeklemmte Person befindet, sie ist nicht ansprechbar. Jetzt muss alles schnell gehen an diesem neblig kalten Morgen. Mit Feuerwehrleinen und Spineboards machen sich die Feuerwehrleute an die Arbeit.

Zum Glück ist die beschriebene Szene nur fiktiv. Wir befinden uns auf dem Truppenübungsplatz Heuberg in Stetten am kalten Markt und die Station „Badewanne“ stellt eine von 21 Stationen der Großübung „Roter Heuberg“ dar, die die Landkreise Sigmaringen und Zollernalbkreis mit Unterstützung durch den Landkreis Konstanz organisiert haben.

Überblick auf die Station "Badewanne"
Überblick auf die Station "Badewanne"
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Über 1.300 Einsatzkräfte der Feuerwehren sowie weiterer Blaulichtorganisationen -Technisches Hilfswerk, DRK, Malteser, Polizei, DLRG, Notfallseelsorge des Landkreises Sigmaringen und die Bundeswehr-Feuerwehr - nehmen an diesem April-Wochenende an der groß angelegten Übung auf dem knapp 48 Quadratkilometer umfassenden Gelände des Truppenübungsplatzes Heuberg und in der Alb-Kaserne Stetten am kalten Markt teil. Sie kommen aus ganz Süddeutschland, der Schweiz und Liechtenstein, um vor Ort zu üben oder ehrenamtlich Stationen aufzubauen und zu betreuen.

Feuerwehrleute retten eine eingeklemmte Person aus dem Pkw (Station "Badewanne").
Feuerwehrleute retten eine eingeklemmte Person aus dem Pkw (Station "Badewanne").
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Auf drei Rundkursen mit jeweils sieben Stationen trainieren die Feuerwehrleute unter realitätsnahen Bedingungen verschiedene Situationen vor die sie in ihren Einsätzen täglich gestellt werden können. Die stationsbetreuenden Hilfsorganisationen haben zusammen mit den Organisatoren komplexe Übungsszenarien ausgetüftelt, die den Rettungskräften alles abverlangen. Sie reichen von Gebäudebränden mit Menschenrettung über diverse Verkehrsunfälle, technische Hilfeleistungen, Menschenrettungen aus Gewässer sowie aus Höhen und Tiefen, Umgang mit Stress bis hin zu einer Großtierrettung, einer Polizeisonderlage und einem Gefahrgutunfall. Jede der Stationen soll in 40 Minuten abgearbeitet werden, inklusive Nachbesprechung und Rückbau.

Feuerwehrleute werfen dem Verunglückten ein Rettungsseil zu (Station "Badewanne").
Feuerwehrleute werfen dem Verunglückten ein Rettungsseil zu (Station "Badewanne").
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Jeweils drei Löschfahrzeuge mit Staffelbesatzung à sechs Einsatzkräfte sowie ein Zugführer sind bei der Übung zu einem Zug zusammengefasst. Die Einteilung erfolgt durch das Organisationsteam mit dem Ziel einer gleichmäßigen Verteilung von größeren und kleineren Löschfahrzeugen. Die Verantwortlichen achten dabei bewusst darauf, dass Feuerwehren aus unterschiedlichen Regionen einen gemeinsamen Zug bilden, um die Zusammenarbeit und Kommunikation zu trainieren.

Ein Arbeiter ist mit einem Arm in einer Maschine eingeklemmt (Station "Kämpferbahn").
Ein Arbeiter ist mit einem Arm in einer Maschine eingeklemmt (Station "Kämpferbahn").
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Dazu kommt die organisationsübergreifende Vorbereitung und Betreuung der Stationen sowie des notwendigen Drumherums: Die Einrichtung von Meldeköpfen und Bereitstellungsräumen, die Sicherstellung von Kommunikationswegen, die Verpflegung und Betreuung der Vielzahl an Personen sowie die stabsmäßige Durchführung der Übung sind, das zeigt die mittlerweile mehrjährige Erfahrung, für alle Beteiligten aus der Blaulichtfamilie eine wertvolle Vorbereitung im Bevölkerungsschutz für Großschadens- und Flächenlagen.

Feuerwehrleute haben den eingeklemmten Arbeiter befreit (Station "Kämpferbahn") .
Feuerwehrleute haben den eingeklemmten Arbeiter befreit (Station "Kämpferbahn") .
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Sogenannte Roadbooks geben die Stationsabfolge für jeden Zug vor. Darin ist auch vermerkt, wer zum Zug gehört, außerdem Kommunikationshinweise und Sicherheitsregeln. Zu jeder Station ist zudem die An- und Abrückzeit sowie eine Bewertung einzutragen. Diese Aufzeichnungen liefern der Übungsleitung anschließend wichtige Informationen, die der Weiterentwicklung und Qualitätssicherung dienen und in die Planungen für das nächste Jahr einfließen.

Ein Mann wurde von einem Stahlrohr "gepfählert" (Station "Kämpferbahn").
Ein Mann wurde von einem Stahlrohr "gepfählert" (Station "Kämpferbahn").
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Erst beim Eintreffen an der Station erfahren die Übenden, welches Szenario sie dort konkret erwartet. Bei der Station „Potz Blitz“ der schweizerischen Feuerwehr aus Werdenberg Süd und der Feuerwehr Engen geht es für den Löschzug mit Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehren Bitz, Meßstetten und Wald um Brandbekämpfung mit Menschenrettung nach einem Verkehrsunfall. Aus dem Fenster eines Lkws schreit eine Frau mit Kind laut um Hilfe, ein paar Meter weiter befindet sich ein brennendes Auto unter einem Baumstamm, Stromleitungen liegen quer über der Straße und den beiden Fahrzeugen, die Flammen haben durch Funkenschlag inzwischen auf eine nahestehende Scheune übergegriffen, in den Fahrzeugen befinden sich noch eingeschlossenen Personen. Beim Eintreffen werden die Feuerwehrleute von mehreren Personen zur Unfallstelle gezogen. Bei diesem Szenario ist für die Übenden wichtig zu erkennen, dass sie zunächst selbst durch die Hochspannung, die aufgrund der zu Boden hängenden Leitungen besteht, gefährdet sind. Sie müssen auf die sogenannte Schrittspannung achten um nicht tödlich verletzt zu werden.

Unter Atemschutz - Rettung einer eingeschlossenen Person aus einem brennenden Fahrzeug (Station "Potz Blitz")
Unter Atemschutz - Rettung einer eingeschlossenen Person aus einem brennenden Fahrzeug (Station "Potz Blitz")
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Auch bei der Station „Kämpferbahn“ der Reutlinger Feuerwehr gibt’s für die Einsatzkräfte aus Bad Saulgau, Hohentengen und Winterbach viel zu tun. Nach der Explosion in der fiktiven Firma „S. Hermann Dampfkesselbau“ herrscht eine komplexe Situation: Ein Arbeiter ist mit einem Arm in einer Maschine eingeklemmt, unter ihm hat sich bereit eine große Blutlache gebildet, er schreit in einem fort, genauso wie ein anderer, der durch ein Stahlrohr quasi gepfählt wurde. Dazu kommt ein Autounfall: Der Wagen brennt, der Fahrer ist eingeschlossen. Die Einsatzkräfte sind stark gefordert.

Nach jeder Station erfolgt eine Nachbesprechung durch die stationsbetreuende Feuerwehr mit dem übenden Zug. Was lief gut, was kann künftig verbessert werden? Sowohl Stationsbetreuer wie auch die teilnehmenden Feuerwehren sind sich einig, dass die einzelnen Übungen wertvolle Erkenntnisse für die alltägliche Gefahrenabwehr bringen.

Das brennende Fahrzeug unter Baumstamm und Stromleitungen wird gelöscht (Station "Potz Blitz").
Das brennende Fahrzeug unter Baumstamm und Stromleitungen wird gelöscht (Station "Potz Blitz").
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Sven Röger, Kreisbrandmeister des Zollernalbkreises und sein Sigmaringer Kollege Kreisbrandmeister Michale Reitter sind zufrieden mit dem Verlauf des Übungswochenendes: Der „Rote Heuberg“ mit über 1.300 Einsatzkräften zeigt eindrucksvoll, wie wichtig solche Übungen unter möglichst realitätsnahen Bedingungen sind. Die Vielzahl und Komplexität der Szenarien fordert unsere Einsatzkräfte in besonderem Maße und stärkt zugleich die Zusammenarbeit über Landkreis- und Organisationsgrenzen hinweg. Unser besonderer Dank gilt der Bundeswehr, die uns auf dem Truppenübungsplatz Heuberg ideale Rahmenbedingungen bietet und diese Übung damit überhaupt erst ermöglicht. Diese partnerschaftliche Unterstützung ist ein wesentlicher Baustein für einen leistungsfähigen Bevölkerungsschutz.“

In der Blaulichtfamilie ist der „Rote Heuberg“ – eine der größten Übungen dieser Art deutschlandweit – eine feste Institution. Die Ursprünge reichen bis ins Jahr 2007 zurück: Damals organisierte der Landkreis Sigmaringen erstmals eine eintägige Übung für die Wehren des eigenen Landkreises auf dem Gelände der Bundeswehr. 2012 beteiligte sich auch der Zollernalbkreis und später der Landkreis Konstanz an der Organisation. Seither wurde das Übungskonzept kontinuierlich weiterentwickelt und in enger Abstimmung mit der Bundeswehr ausgebaut. Nach und nach ging man zur Stationsausbildung über.